Mit aller Wucht hat uns Fukushima von der Euratom-Debatte, der mein letzter Beitrag gewidmet war und die im günstigsten Fall einen komplizierten Umweg zur Energiewende bedeuten würde, wieder auf die zentrale Frage zurückgeworfen: den schnellstmöglichen Ausstieg aus dieser gescheiterten Technologie.
Nun würde man meinen, nach diesem mehrfachen Super-GAU wäre es endlich Konsens, rasch auf diese Technologie zu verzichten. Man möchte meinen, endlich würde die Menschheit einsehen, dass sie wie Goethes Zauberlehrling völlig hilflos zusieht, während die Kräfte, die sie rief, unvorstellbaren Schaden anrichten. Aber das ist weit gefehlt. Größer noch als die Zerstörung von Beben, Tsunami und Nuklearkatastrophe scheint allein die Ignoranz zu sein, mit der die Atomlobby und ihre Handlanger in der Politik dem Desaster begegnen.
Es beginnt mit der einlullenden, beschönigenden Sprache, die unkritisch von allen übernommen wird. GAU – “Größter Anzunehmender Unfall”. Das war von Beginn an falsch, müsste eher GMVGGNBU heißen: “Größter mit viel Glück gerade noch beherrschbarer Unfall”. Aber das klingt nicht so hübsch – und genau darum geht es.
Nur ein ganz kleiner Auszug aus den beschönigenden Darstellungen, mit denen wir seit bald zwei Wochen ständig konfrontiert werden: Am Tag nach der Katastrophe nutzte IAEO-Genaraldirektor Amano die Gelegenheit für salbungsvolle Worte über die segensreiche Wirkung seiner Institution. Zu dem Zeitpunkt hieß es auch noch, für die Bevölkerung bestehe keine Gefahr. Nach vier Tagen erklärte er, dass die Reaktoren in Fukushima viel sicherer seien als jener in Tschernobyl es war. Dem entspricht auch die Einstufung der Unfälle nach der INES-Skala, der internationalen Skala zur Bewertung für “nukleare Ereignisse” (wieder so ein “schönes” Wort). Derzeit (Stand 21.3.) gelten die Unfälle als “ernster Unfall” (Stufe 5 von 7) in den Blöcken 1-3 und als “ernster Störfall” (Stufe 3 von 7) in Block 4. Das zu einem Zeitpunkt, zu dem wir eigentlich schon bei Stufe 8 oder 9 (die Skala endet ja an dem Punkt, ab dem man nicht mehr darüber sprechen will) angelangt sind; in einer Phase, in der das Gebiet in 30 km Umkreis bereits evakuiert wurde und anzunehmen ist, dass dieses evakuierte Gebiet a) immer noch zu klein und b) wahrscheinlich nie mehr besiedelt werden kann; zu einem Zeitpunkt, zu dem in der 30 Millionen-Stadt Tokio bereits erhöhte Werte im Trinkwasser gemessen werden und nur das Wetterglück bisher eine schlimmere Verstrahlung der Stadt verhindert hat; zu einem Zeitpunkt, zu dem klar wird, dass Lebensmittel verstrahlt sind; dass die Arbeiter, die in einem immer hilfloser wirkendem Schauspiel versuchen, das Ausmaß der Katastrophe noch einzudämmen, diesen Einsatz nicht lange überleben werden. Und, und, und. Aber für die Atomindustrie und ihre Schönfärberei ist das alles immer noch keine Katastrophe. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was geschehen muss, damit IAEO und andere Atombehörden von einer “Katastrophe” sprechen.
Ich glaube, es ist wichtig, genau auf diese Sprache zu achten. Denn schon bald werden genau diese Akteure wieder versuchen, uns mit genau dieser Rhetorik eine Normalität vorzugaukeln. Sie werden wieder behaupten, Atomenergie sei beherrschbar und unverzichtbar. Sie werden versuchen – auf unseren Mangel an Phantasie und Erinnerungsvermögen spekulierend – uns dazu zu bringen, lieber die unwägbaren Risiken in Kauf zu nehmen als auch nur über die geringste Änderung unserer Verhaltensweisen – Stichworte: Standby-Betrieb, Lichtverschmutzung u.v.m. nachzudenken – durch die ohne Wohlstandsverlust viele AKWs sofort einzusparen wären.
Währenddessen übt sich die Politik darin, Zeit zu gewinnen und die Menschen einzulullen. In Österreich freut sich Umwelt(?)-Minister Berlakovich darüber, dass er auch ein Wort erfunden hat, dass nun erfolgreich zur Irreführung der Menschen europaweit eingesetzt wird: Stresstest für AKWs. Dieser wird zwar nur am Papier erfolgen und nicht durch unabhängige Experten, aber – und das scheint wichtiger zu sein – medial ist er wunderbar zu verkaufen, gemeinsam mit der Behauptung, Österreich sei sicher. Kanzler Faymann entdeckt inzwischen die Mittel der außerparlamentarischen Opposition für sich – wohl vor allem deswegen, um davon abzulenken, dass er als Regierungschef ganz andere Möglichkeiten hätte. Angesichts der Situation rund um Österreich hätten beide allerdings allen Grund, wirklich Politik für einen Atomausstieg zu betreiben, statt uns mit Scheinaktivismus zu belästigen.
Doch es ist ja kein österreichisches Phänomen: “Atomenergie ist unverzichtbar”-Angela Merkel ringt sich nach einer Schrecksekunde zur großen Geste eines (zu kurzen, sollte man tatsächlich eine gründliche Überprüfung vor haben) dreimonatigen Moratoriums durch, wurde jedoch in ihrer scheinheiligen Rhetorik zumindest vom ZDF in einem satirischen Beitrag ertappt und bloßgestellt, dem ich nichts hinzuzufügen habe. Oder doch, einen Satz noch:
Nicht vorhersehbar, Frau Merkel und all ihr anderen, ist bei Atomkraft offensichtlich nur eines nicht: Zeitpunkt und genauer Ort, wann und wo eine Katastrophe passiert.
