Rankings und Vorsätze

Ich weiß schon, am 3. Jänner interessiert man sich in Österreich eher für das Ranking bei der Vierschanzentournee, doch für an Randsportarten weniger Interessierte möchte ich heute den Blick auf eine andere Rangreihung lenken. Aus ihr kann man gute Vorsätze für das neue Jahr ableiten. Jetzt, da wir aller Voraussicht nach eine längere Periode ohne “störende” Wahlgänge vor uns haben, sollte es ja der Regierung möglich sein, Politik für das Land statt für den Boulevard zu machen.

Sie könnte sich zum Beispiel zum Ziel setzen, zumindest einige der 11 Plätze wieder aufzuholen, die Österreich im Jahr 2010 im Human Development Index (HDI) der UNDP verloren hat. Da flogen wir letztes Jahr nämlich aus den Top 20-Nationen, liegen nun auf Platz 25 (nach Platz 14 im Jahr 2009). Neuseeland, inzwischen hinter den unveränderten Spitzenreitern Norwegen und Australien auf Platz drei, hat im gleichen Zeitraum 17 Plätze aufgeholt, die USA unter Obama – da dürfte sich v.a. der Erfolg seiner Initiative in Sachen allgemeiner Krankenversicherung ausgewirkt haben – kletterte neun Plätze hinauf, liegt nun auf Platz vier. Irland – im Ranking 2010 noch unverändert an fünfter Stelle, dürfte es nun schwer haben, den Platz zu behaupten.

Aber Vorsicht – der HDI ist kein jährlicher Sprintwettbewerb, bei der Ursachenanalyse für den Absturz wird man nicht allein im vergangenen Jahr fündig werden, genauso wenig wie es in Jahresfrist gelingen kann, all das Versäumte wieder aufzuholen. So “verdankt” Österreich den “Absturz” auch einer methodischen Umstellung in der Berechnung. Der Index 2010 misst Unterschiede im Bildungssystem trennschärfer als in früheren Jahren, um gerade in hoch entwickelten Ländern eine bessere Unterscheidung zu ermöglichen. Außerdem wurden Ungleichheitsaspekte innerhalb einer Gesellschaft stärker berücksichtigt, was ebenfalls ein paar Prozentpunkte kostete.

Als grundlegende Orientierung wo ein Land steht, bietet der Index jedoch viele interessante Einblicke. Seit 1980 lag Österreich stets in etwa auf OECD-Schnitt, mittlerweile jedoch knapp darunter. Auch im weltweiten Vergleich innerhalb der Gruppe hoch entwickelter Staaten schneidet Österreich unterdurchschnittlich ab. Ein Indiz, dass der immer noch vorhandene Reichtum im Land nicht optimal eingesetzt und verteilt wird.

Die ausgezeichnet gestaltete interaktive Seite der UNDP (ich wüsste kein zweites Online-Projekt mit solch vielfältigen Möglichkeiten) spielt alle Stückerln für individuelle Abfragen. Man kann eigene Indices erstellen, Detailrankings berechnen lassen, in Echtzeit Grafiken erstellen für jede erdenklichen Indikator der erhobenen Werte. Nicht nur Sozialstatistiker laufen Gefahr, viel Zeit mit dieser Website zu verbringen. Lässt man sich beispielsweise eine Rangfolge nur nach Bildungsausgaben erstellen, liegt Österreich am 49 Platz. Kombiniert man dazu auch die (erwartete sowie durchschnittliche) Dauer der Ausbildung, errechnet sich Platz 21.  Spannend dabei: in der ersten Liste findet man vor Österreich zahlreiche Entwicklungsländer und Kleinstaaten, also Länder, in denen die Bildungsausgaben aus nahe liegenden Gründen einen relativ hohen Anteil am Budget (= hoher Index) ausmachen. Deutschland liegt in dieser Liste erst auf Platz 91. In der Kombination von Bildungsausgaben und Bildungsdauer – durchaus auch interpretierbar als Effizienzmaß  – liegen dann jedoch vor allem jene Länder vor Österreich, die auch in der PISA-Studie bessere Ergebnisse zeigen. Oder – ein ganz anderes Gebiet – Rang 106 (von 124) für Österreich, wenn man sich eine Reihung nach CO2-Emissionen pro Kopf und ökologischen Fußabdruck im Konsum ansieht. Immerhin liegen wir auf diesem Gebiet noch besser als USA (122.), Finnland (114) und Schweiz (108), aber doch tw. deutlich hinter Niederlande (103), Deutschland (95) oder Slowenien (88). Jedenfalls zeigt sich auch hier viel Aufholpotenzial für das ehemalige Umweltmusterland.

Je länger man mit den Zahlen spielt, umso relativer sieht man natürlich auch ihren tatsächlichen Aussagewert. Die Fülle der Daten und die frei wählbare Gewichtung verschiedenster Einzelaspekte erlauben unterschiedlichste Interpretationen (eigentlich verlockend für die Politik) und sind wohl auch eine Überforderung, eignen sich jedenfalls nur bedingt für vereinfachende Darstellungen. Insofern erstaunt es wenig, dass der Ende November von der UNDP vorgestellte Report medial nur sehr schwach rezipiert wurde. Schade, denn es wäre lohnend, sich etwas ausführlicher mit diesen Zahlen auseinander zu setzen und sie durchaus auch kritisch zu hinterfragen. Besser jedenfalls, als – und damit sind wir wieder in der österreichischen Realität – ständig jene Mercer-Studie zu zitieren, die Wien als lebenswerteste Stadt unter 221 untersuchten Städten ausweist. Ein schmeichelhaftes Ergebnis, zugegeben. Kein Wunder, dass die Stadtverwaltung auch Monate nach der Veröffentlichung immer wieder eine Headline zu dieser Studie über die Infosceens flimmern lässt und sie auf die Gehaltszettel der Magistratsbediensteten druckt (ich konnte das kaum glauben, als mir das kürzlich eine Freundin erzählte, die für die Stadt arbeitet). Denn dabei fällt stets unter den Tisch, dass dieses Ergebnis nicht auf offiziellen, gemessenen Fakten beruht, sondern einzig auf der emotionalen Einschätzungen von befragten MitarbeiterInnen multinationaler Konzerne. Man könnte auch anders sagen: in dieser Zielgruppe hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Job in Wien zwar nicht unbedingt die beste Ausgangsposition für eine weitere steile internationale Karriere ist, aber dafür lebt es sich sicher und gemütlich am Rande des Wienerwaldes. Das stimmt natürlich und ich will das auch in keinster Weise gering schätzen. Aber als Grundlage für eine politische Strategie für das Land ist mir das ein bisserl zu wenig.

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